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  • Deborah Annerl

Kritik als Geschenk verstehen

Aktualisiert: März 23

„Nimm es nicht persönlich, aber Dein Vortrag heute war echt nicht gut. Um ehrlich zu sein, hast Du mich schon nach 2 min. komplett verloren…“ Autsch. Wie soll man das denn bitte „nicht persönlich“ nehmen? Es geht schließlich um mich persönlich. Ich bin ja diejenige, die hier einen Zuhörer innerhalb kürzester Zeit „verloren“ hat, oder? Eine solche Situation kennt wahrscheinlich jeder. Dieser Schlag in die Magengrube, wenn die Arbeit oder schlimmer noch das Verhalten oder gar die Persönlichkeit bewertet wird und dabei nicht gerade gut wegkommt. 

Die Kritik kann die unterschiedlichsten Reaktionen und Gefühle in uns auslösen. Unsere Reaktion erfolgt meist direkt und ohne Umschweife. Manch einer reagiert beleidigt und holt gleich zum Gegenangriff aus, oftmals mit Sarkasmus gekoppelt: „Äh okay, ja das tut mir leid, dass Dir das Thema zu hoch ist und Du nicht folgen konntest“. Ein anderer wiederum ist gekränkt und verletzt, sagt vielleicht gar nichts oder verfällt in Selbstmitleid. Das kann sich durch eine depressiv anmutende Verstimmung und einen tränenreichen Abend auf dem Sofa äußern. Oftmals ist auch eine Rechtfertigung die Reaktion des Kritisierten: „Oh das tut mir leid, aber ich fand eigentlich, dass ich diese so extrem trockene Thema schon so anschaulich gemacht habe, wie es eben ging. Ich hatte aber auch wirklich ein deutlich komplexeres Thema als die anderen Vortragenden und auch weniger Vorbereitungszeit.“. Alles Reaktionen die durch den Kritiker in der Regel nicht provoziert werden wollten. Der versteht  meist gar nicht, warum sich der Kritisierte so angegriffen fühlt oder so unangemessen und undankbar reagiert.  Die wenigsten Personen reagieren dankbar, wenn sie kritisiert werden. Das ist absolut verständlich, da wir gelernt haben, auf einen vermeintlichen Angriff entsprechend aktiv mit Verteidigung oder Gegenwehr zu reagieren. Dankbar zu sein, würde aber tatsächlich bedeuten, erstmal innezuhalten. Zuzuhören. Zu verstehen. Also nichts zu tun, was in einer Art aktiv ist. Mein Tipp an dieser Stelle ist jedoch, genau das mal auszuprobieren. Kritik als Geschenk zu verstehen. Mit dem Kritisierenden gibt jemanden, der Dir dabei hilft, dass Du besser werden kannst. Und das ist schließlich das, was wir alle wollen, oder? Wenn Du auch künftig Vorträge halten möchtest und es Dein Ziel ist, damit Menschen zu begeistern und mitzureißen, wirst Du nicht darum herum kommen, an Deiner Performance zu arbeiten. Das tust Du am ehesten, wenn Du das verstärkst, was Du schon gut kannst und versuchst, dass was Dir noch nicht so gelingt zu verbessern. Herauszufinden was das ist, ist oftmals gar nicht so einfach und somit kann ein Feedback sehr hilfreich sein. Wie würdest Du es bewerten, wenn der Kritisierte in unserem Beispiel antworten würde: „Okay, ich verstehe. Danke, für Dein ehrliches Feedback. Daran möchte ich natürlich arbeiten, darf ich Dich bitten, mir zu sagen, was genau aus Deiner Sicht nicht gut war?“. Klingt eigentlich sehr fair und reif, oder? Wahrscheinlich führt dieses Gespräch sogar dahin, dass der Kritiker sich geschmeichelt fühlt und sich, sofern noch nicht geschehen, Gedanken um ein wirklich konstruktives Feedback macht. Vielleicht hat er sogar gleich noch einen Tipp, wie der Kritisierte seinen Vortrag beim nächsten Mal überzeugender präsentieren kann. Wenn das geschehen ist, liegt es beim Kritisierten, sich zu überlegen, ob er die Kritik annimmt und versucht, an sich und seinem Vortragsstil zu arbeiten. Vielleicht sind die Erläuterungen und Argumente auch einfach nicht allgemeingültig oder der Kritiker hatte einfach einen schlechten Tag und wollte seinem Frust durch die Kritik Luft machen. Dann ist es selbstverständlich auch okay, wenn der Kritisierte sich bedankt und die Kritikpunkte unter „Ausnahmefall/ besondere, nicht durch mich zu realisierende Wünsche“ abspeichert. In der Regel gibt es aber zumindest einen kleinen Punkt, den jeder einer Kritik abgewinnen kann und allein dafür lohnt es sich schon, hinzuhören und dankbar zu reagieren. Wenn wir ein Geschenk von der Oma bekommen, öffnen wir es ja auch zumindest und schauen nach, ob etwas darin ist, was uns gefällt. Sogar dann, wenn es auf den ersten Blick ausschaut, als wären es schon wieder dicke Kuschelsocken. Und am Ende wären ja auch die vielleicht gleich beim nächsten Mal, wenn Du Daheim vor dem Kamin sitzt und Deinen perfekten Vortrag vorbereitest, genau richtig.


Praxistipp: Probiere beim nächsten Mal, wenn Du kritisiert wirst folgen 3 Schritte aus:

1. Lenke Deine Aufmerksamkeit auf die sachliche Nachricht des Kritikers - den Inhalt seines Geschenks. Die Person erklärt Dir, wie Deine Arbeit oder Dein Verhalten aus ihrer Sicht wirkt oder ankommt. Hierbei wirst nicht Du bewertet sondern nur das, was Du grad getan / gesagt hast - also ein veränderbarer Faktor. Versuche zu verstehen, was kritisiert wird.

2. Öffne Dich und bedanke Dich bei Deinem Kritiker. Zeig Deinem Gegenüber, dass seine Kritik erwünscht ist und Du sein Feedback ernst nimmst und schätzt. So wird er sich Mühe geben, besonders konstruktiv zu argumentieren.

3. Suche einen passenden Platz für das Kritikgeschenk. Wenn du alle Informationen hast, überlege Dir, ob Du etwas von der Kritik annehmen und entsprechend etwas an Deiner Arbeit und Verhalten ändern möchtest. Falls nicht, ist das auch okay. Niemand wird Dich zwingen, etwas zu verändern, weil es ihm/ ihr so nicht gefällt. Du bist der Beschenkte und entscheidest frei, was Du mit dem machst, was man Dir gibt.


Viel Spaß beim Ausprobieren.


Alles Liebe & Focus On The Good,

Deine Deborah

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